Kolumne: „Ein gutes Stück Butter!“



Ute ist seit einer knappen Woche im Krankenhaus. Diagnose Zuckerschock. Am Ende konnte sie keine Treppe mehr steigen, saß nur noch apathisch im Sessel. Bis ans Ende ihrer Tage wird sie jetzt mit Insulin-Spritzen hantieren müssen. Erst einmal aber wird sie „neu eingestellt“ ...


Ute ist seit einer knappen Woche im Krankenhaus. Diagnose: Überzuckerung. Am Ende konnte sie keine Treppe mehr steigen, saß nur noch apathisch im Sessel. Bis ans Ende ihrer Tage wird sie jetzt mit Insulin-Spritzen hantieren müssen. Erst einmal wird sie aber „neu eingestellt“: Ein beliebter Terminus Technicus der Ärzte. „Neu eingestellt“ heißt soviel wie: „Vorher alt eingestellt“ oder jedenfalls irgendwie „nicht mehr richtig eingestellt“, klingt ein bisschen wie: Das passiert schon mal! Und Du, liebe Ute, Du kannst gar nichts dafür. Du warst nur eben völlig „falsch eingestellt“. Und Ute liegt da mit ihren fünffach überhöhten Zuckerwerten im Krankenhausbett. Liegt da und wartet darauf, dass es endlich soweit ist - dass sie endlich wieder richtig eingestellt ist.


Für Ute ist der Überzucker-Schock ein Schock in doppelter Hinsicht. Einmal für den Körper und einmal für den Kopf. Denn Ute denkt viel nach, in letzter Zeit. Gestern war eine Ernährungsberaterin zu Gast. Resultat: Nichts Neues. Ute kennt sich aus. Die Diätempfehlungen der Illustrierten hat sie genau studiert. Gelernt hat sie nichts. Gestern hat sie nachgefragt. Ob es wohl daran liegt, dass sie sich falsch ernährt? Die Beraterin hat einen pädagogisch sinnlosen Rückzieher gemacht: Nein, nein, die Sache mit dem Zuckerschock ist reine Veranlagung. Und, na ja, bald ist Ute wieder richtig eingestellt und kann fast so weitermachen wie bisher. Darauf freut sie sich. Sehr!


Ute ist Mitte 60. Damit zählt zu den so genannten Kriegskindern. Das „gute Stück Butter“ ist hier mehr, als ein viertel Kilo Fett. Es ist ein Versprechen, ein viertel Kilo Wohlstandsglück. Anerzogen und weiter gegeben von Jenen, die sich über Jahre von Kohlsuppe und Kartoffelschalen ernähren mussten. „Die schlechte Zeit“: eines Tages war sie vorbei. Doch das Hungergefühl von einst saß tief. Tiefer, als die Vernunft jedenfalls. Vielleicht war das „gute Stück Butter“ ja eine zweite, sinnlich - kulinarische Befreiung. Auf einmal stand es allen zur Verfügung und wurde billig verramscht. Das „gute Stück Butter“ = ein Viertel Kilo gute Zeit. Das erzählte die Kriegsgeneration dem Kriegskind Ute.


Und Utes Kinder sind auch damit aufgewachsen. Butter und Schokolade, das Zuckerbrötchen auf – wie sollte es anders ein – „guter Butter“ zählte zum Ernährungsprogramm. Auch die „gute Butter“ hat Kinder bekommen: Sie heißen Cola, heißen Pizza xxl und Mac Dingsbums. Auf Dauer und in Mengen sind sie ebenso giftig, wie der Butterberg der Kriegskinder. Aber auch die Kinder der Kriegskinder werden sich durch ihren Butterberg futtern, bis sie eines Tages lernen müssen, wie man die Insulinspritze in die Bauchfalte rammt. Sie werden genauso gut gewusst haben wie Ute, dass es falsch ist. Und sie werden tausend kleine Gründe kennen, warum es falsch und trotzdem sexy war.


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